«Das neue elektronische Patientendossier EPD ist eine Chance aufzuholen»

    Seit rund einem Jahr ist Jean-Pierre Gallati Gesundheitsdirektor des Kantons Aargau. Dabei wird er praktisch seit Antritt dieses Amtes von der Corona-Pandemie gefordert. Mit Pragmatismus und gesundem Menschenverstand und einer grossen Portion Optimismus lenkt er den Kanton durch diese Krise. Der SVP-Politiker über die Zusammenarbeit mit Bund in der Krise, die Gesundheitspolitische Gesamtplanung 2025 und das elektronische Patientendossier. 

    (Bild: zVg) Gesundheitsdirektor Jean-Piere Gallati ist mit der Bekämpfung der Pandemie und der Gesundheitspolitischen Gesamtplanung 2025 des Kantons Aargau stark gefordert.

    Das Jahr 2020 war ein spezielles Jahr. Corona hat Sie als Gesundheitsdirektor auf Trab gehalten. Was waren oder sind die grössten Herausforderungen bezüglich der Pandemie?
    Jean-Pierre Gallati: Die Koordination mit dem Bund, den umliegenden Kantonen und den benachbarten deutschen Landkreisen. Die Abstimmung mit dem Grossen Rat, mit den anderen Departementen und im Gesamtregierungsrat. Die Information und Motivation unserer Bevölkerung. Der Schutz der involvierten Akteure des Gesundheitswesens, v.a. der Pflegepersonen in Spitälern und Alterszentren. Die Unterstützung der arg gebeutelten Zweige der Wirtschaft, der Kultur, im Bereich Soziales sowie der Gemeinden.

    Der Bund appelliert in der Umsetzung nach wie vor an die Kantone. Ist das sinnvoll und funktioniert das im Aargau gut?
    Seit dem Spätsommer stehen alle Kantone in einer vergleichbaren Situation, was die Verbreitung des Virus betrifft. Deshalb sollte aus meiner Sicht der Bundesrat für die ganze Schweiz Massnahmen anordnen, wie er das in der ersten Welle tat. Die Umsetzung in den einzelnen Kantonen ist problematisch, weil die interkantonalen Absprachen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – selten gelingen. Der Kanton Aargau hat sechs Nachbarkantone

    Fährt der Bund bezüglich Corona nach wie vor nicht einen zu laschen Kurs?
    Ich will den Bundesrat nicht kritisieren. Es fällt aber schon auf, dass seine Beschlüsse immer auf Kompromissen beruhen, die in der Anwendung nicht die gewünschten Effekte bringen. Ich frage mich, ob die Methode des Kompromisses bei Massnahmen gegen ein gefährliches Virus die richtige Methode ist.

    Sind Sie mit der Aargauer Bevölkerung bezüglich Umsetzung der Corona-Schutzmassnahmen zufrieden?
    Ja, auch wenn jüngere Semester ganz offensichtlich Mühe bekunden, sich jederzeit an die Vorgaben zu halten. Gut zu beobachten ist das an grossen Bahnhöfen.

    Im November 2019 wurde Sie in dieses Amt gewählt und im Herbst vergangen Jahres bestätigt. Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Tätigkeit in den Diensten des Kantons Aargau?
    Da gibt es einiges: Die Zusammenarbeit mit meinen Regierungskollegen und mit dem Grossen Rat, speziell auch mit der Kommission Gesundheit und Soziales, die bis Ende Jahr noch von Grossrat Dr. Ulrich Bürgi präsidiert wurde. Der Kontakt mit der Bevölkerung (leider momentan arg eingeschränkt durch die Absage vieler Anlässe). Der Austausch mit den vielen Institutionen des Gesundheits- und Sozialwesens. Besonders eindrücklich waren Begegnungen mit kleinen Kindern, die Weihnachten im Spital verbringen mussten, der Besuch bei unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden und Hausbesuche bei Personen, die von der Spitex betreut werden.

    Ein grosses Projekt, das noch ansteht, ist die Gesundheitspolitische Gesamtplanung 2025. Wie ist momentan der Stand der Dinge?
    Zurzeit erfolgt die inhaltliche Aufbereitung der verschiedenen Themenbereiche zuhanden der verschiedenen Arbeitsgruppen. Mitte 2021 soll diese wichtige Vorlage in die Anhörung gehen und danach dem Grossen Rat zur Behandlung unterbreitet werden.

    Wo setzten Sie Prioritäten bei der Gesundheitspolitische Gesamtplanung 2025?
    Ein übergeordnetes Ziel ist die Schaffung von integrierten und vernetzten Versorgungsstrukturen über die ganze Versorgungskette hinweg. Dank höherer Effizienz wird das zu einer Steigerung der Qualität und zu einer Kostendämpfung führen. Ein weiteres Ziel ist die Reduktion von Fehlanreizen und die einheitliche Finanzierung der verschiedenen Leistungen (Spital, Langzeitpflege und Ergänzungsleistungen). Weitere Schwerpunkte sind das Rettungswesen und der Fachkräftemängel, vor allem bei den Pflegeberufen.

    Was sind die grössten Herausforderungen bei diesem Mammutprojekt?
    Die grösste Herausforderung wird darin bestehen, die vielen widerstrebenden Interessen unter einen Hut zu bringen, ohne dass die neue Gesundheitspolitische Gesamtplanung ihre Konturen verliert und so zu einem Papiertiger verkommt.

    Ab April 2020 müssen Spitäler, Psychiatrien und Rehakliniken das elektronische Patientendossier anbieten. Das hat sich verzögert, wieso?
    Die doppelte Zertifizierung des von der Stammgemeinschaft eHealth Aargau entwickelten elektronischen Patientendossiers (EPD) hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Auf diesen Ablauf haben die Kantone keinen Einfluss. Die Stammgemeinschaft eHealth Aargau unter dem Präsidium von Grossrat André Rotzetter hat grossartige Arbeit geleistet.

    Die Stammgemeinschaft eHealth Aargau wurde als erste Stammgemeinschaft in der Schweiz zertifiziert. Erste Spitäler eröffneten im vergangenen Dezember elektronische Patientendossiers. Diesen Januar soll das auch in der Poststelle in Aarau möglich sein. Wieso übernimmt hier der Aargau eine Pionierrolle?
    Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass sich die frühere Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli massiv für die Digitalisierung des Gesundheitswesens und besonders das EPD engagierte. Auch eine Rolle spielt dabei, dass andere Kantone mit der Projektorganisation Mühe hatten und deshalb Zeit verloren. Aber es geht nicht darum, welcher Kanton schneller ist. Wichtig wird sein, dass die Einführung des EPD flächendeckend gelingen wird – und zwar in der ganzen Schweiz.

    Trügt der Scheint, oder tut sich die Schweiz schwer mit der E-Health – dies auch im Vergleich mit anderen Ländern?
    Eine Analyse der Forschungsgesellschaft Empirica zeigt in einem Ländervergleich auf, dass die Schweiz im internationalen Vergleich mit 17 Staaten nur auf dem 14. Platz liegt. Ja, die Schweiz tut sich in diesem Bereich schwer. Das neue elektronische Patientendossier EPD ist eine Chance aufzuholen.

    Was wünschen Sie sich als Gesundheitsdirektor für 2021?
    Vorab der Covid-19-Impfung einen grossen Erfolg! Damit verbunden ist auch die Hoffnung, dass die Spitäler, besonders das Pflegepersonal, die Alterszentren, die Spitex-Organisationen, die Apotheken, Physiotherapeuten und Drogerien sowie die vielen Arztpraxen bald wieder „normal“ arbeiten können. Möge das gesamte Personal Momente des Aufatmens und der Ruhe finden! Unserer Bevölkerung wünsche ich gute Gesundheit, Freude am Leben und einen wirtschaftlichen Aufschwung.

    Interview: Corinne Remund